aus dem Kopf gefischt

Not macht erfinderisch – die Zweite

Ich gehe spazieren. Die Sonne scheint, es ist angenehm warm, ein leichte Brise umspielt mich. Die Vögel zwitschern munter durcheinander, Bienen und Schetterlinge fliegen von Blume zu Blume, die Blätter der Bäume erstrahlen im wärmsten Grün. Eigentlich eine perfekte Gelegenheit, um das Leben zu genießen und wieder einmal so richtig abzuschalten. Eigentlich…
Anfangs noch frohen Mutes und beschwingten Schrittes, bin ich nun seit einiger Zeit immer langsamer und schwermütiger unterwegs. Es ist, als würde mich etwas immer stärker nach hinten ziehen und gleichzeitig nach unten drücken. Meine Füße fühlen sich an wie aus Blei, meine Gedanken ebenso. Und obwohl ich nichts außer meinem Hausschlüssel mit mir trage, kommt es mir so vor, als würde eine schwere Last auf mir liegen.
Ich hatte gehofft, dass meine Sorgen und Probleme mir nach einer sehr arbeitsintensiven Woche eine kleine Auszeit gönnen würden, aber nein. Das genau Gegenteil scheint der Fall zu sein: Sie belagern mich regelrecht, stürmen auf mich ein, wollen mich in die Knie zwängen.
Aber nicht mit mir! Gerade noch nahe am Verzweifeln, schießt mir plötzlich ein Gedankenblitz durch den Kopf, eine Idee. Ich betrache die Anhöhe vor mir. Ja, das könnte funktionieren.
Ich atme ein paar Mal tief durch. Dann sammele ich innerlich all die Entschlossenheit und Willenskraft, die ich aufbringen kann, und bündele meine Konzentration darauf. So, jetzt kein Zögern mehr und kein Zurückschauen.
Mit zusammengebissenen Zähnen und fest entschlossen beginne ich, den Hügel hinaufzulaufen, die Augen auf das Ziel fixiert, mit aller Kraft nach oben strebend.
Anfangs fühlt sich das Ganze echt mühsam an, doch ich weiß, dass ich mich davon nicht beeindrucken lassen darf. Ich beiße mich durch – jetzt oder nie. Um meine widerspenstigen Gedanken im Zaum zu halten, sage ich mir bewusst immer und immer wieder: „Stark, stark, stark, stark, stark!“ – ein einziges, kleines Wort, das doch so mächtig ist.
Mit jedem Schritt, mit jedem Sprung nach oben fühle ich mich leichter. Nach und nach fallen meine Sorgen und Probleme, die alle viel zu träge sind für so einen Aufstieg, von mir ab und bleiben auf der Strecke liegen oder kullern rückwärts wieder den Abhang hinunter. Irgendwann kommt es mir so vor, als würde ich durch die Luft fliegen. Euphorie erfasst mich. Ja, ja, ich schaffe das!
Als ich oben ankomme, bin ich zwar außer Atem, aber auch glücklicher als seit Langem. Das Blut rauscht in meinen Ohren und mein Herz schlägt wie verrückt, aber ich fühle mich leicht wie eine Feder und lebendiger als je zuvor. Alles Schwere habe ich wortwörtlich hinter und unter mir zurückgelassen. Ich bin frei!

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