Moment I

Die Beobachtung zu schulen ist auch für einen Schriftsteller essentiell – das lehrte mich Peter Camenzind. Es geht darum, durch das immer präzisere Erfassen von winzigen Details und Stimmungen dem Leser ein immer glaubwürdigeres und plastischeres Bild vermitteln zu können. Deshalb habe ich beschlossen, mir jetzt wie ein Zeichner oder Maler eine „Skizzenmappe“ anzufertigen: Ab jetzt sammle ich Momente.

Der bärtige, dunkelhaarige Mann hockt neben einem circa zwei Jahre alten Mädchen, vermutlich seine Tochter. Sie sitzt auf dem Boden, in der Hand eine Broschüre mit vielen bunten Bildern, und plappert munter vor sich hin. Geduldig verharrt er mehrere Minuten lang neben ihr, ohne sie zur Eile zu treiben, ganz ohne Stress und Hektik. Das beeindruckt mich. Aber am allerschönsten ist, wie er sie ansieht und mit ihr spricht. Nicht nur als wären sie gleichberechtigt, aber als wäre sie so kostbar, als wäre sie ein solches Wunder.
Die beiden sind ganz vertieft in ihren Moment. Sie merken nicht, dass ich den Blick nicht von ihnen abwenden, mich nicht mehr losreisen kann. Also verharre ich noch eine Weile, versuche, mir genau einzuprägen, wie es sich anfühlt. Denn dies ist einer der Momente, an die ich mich gerne erinnern würde. Dann, wenn ich wieder einmal vergessen habe, was Liebe ist und ob es sie gibt überhaupt. Dies ist ein Moment für die Ewigkeit.

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