Was ich ganz besonders an dir mag

for someone very dear to me
aus meinem Gott-Zyklus

Zuerst dachte ich er wolle sich einen Scherz mit mir erlauben.
Als Gott eines unscheinbaren Morgens bei mir anruft und verkündet, er würde gerne ein Porträt von mir malen.
Zuerst dachte ich noch, er wolle mich auf den Arm nehmen.
Keine Sekunden hingegen zweifele ich, dass das wirklich Gott ist, da, am anderen Ende der Leitung. Immerhin hat er mich schon zuvor kontaktiert. Auf alle möglichen und unmöglichen Arten. Wenn Gott einen anruft, dann weiß man einfach, dass das da wirklich Gott ist. Man weiß es einfach. Mehr kann ich dazu nicht sagen.
Jedenfalls: Gott will ein Porträt malen. Von mir. Warum ausgerechnet von mir?
„Na, weil heute der beste Tag dafür ist“, kommt mysteriös die Antwort.
Der beste Tag wofür?
„Um ein Porträt zu malen, um dich zu malen. Um Farben fließen zu lassen. Um zu leben!“ Er ist so enthusiastisch, dass er mich beinahe damit ansteckt.
Der Sinn des Ganzen ist mir immer noch nicht klar. Und auch nicht, ob ich überhaupt will, dass Gott ein Porträt von mir malt… Nun, ein bisschen neugierig bin ich dann doch. Und gleichzeitig habe ich Angst. Angst vor dem Ergebnis. Angst davor wie Gott mich sieht. Aber immerhin muss ich mir das Porträt am Ende doch nicht ansehen, oder? Und außerdem: Gottes Wege sind unergründlich. Und wenn Gott mir anbietet, Zeit mit mir zu verbringen … wäre ich dann nicht redlich blöd, dieses Angebot nicht anzunehmen?
„Du weißt, du kannst auch ‚nein‘ sagen…“, kommt es so sanft aus dem Telefonhörer, dass er mir beinahe aus der Hand fällt.
Natürlich… Alter Gedankenleser! Alter Alleswisser!
„Manchmal ist es ebenso weise, eine sich bietende Gelegenheit nicht wahrzunehmen, wie es manchmal weise ist, sie wahrzunehmen…“, folgt der nächste Hinweis.
Kryptischer geht wohl nicht, oder? Weiß Gott nicht, dass ich auch so schon verwirrt genug bin? – Was für eine Frage, natürlich weiß er es… Aber wie soll ich mich jetzt entscheiden? Und wofür?
„Es ist so oder so okay“, beantwortet Gott meine unausgesprochene Frage. „Falls du dich dafür entscheidest, wäre mir so gegen 9 Uhr recht… Solltest du dich dagegen entscheiden, wünsche ich dir einen wunderschönen Tag voller Sonnenstrahlen und netten Begegnungen.“
Da ist kein Unterton in dieser Aussage, der mich in irgendeine Richtung beeinflussen will. Keine Manipulation, keine Drohung. Er lässt mir wirklich die freie Wahl.
Ich atme erleichtert die Luft aus, die ich ohne mein Gewahrsein angehalten habe. Jetzt ist es plötzlich ganz leicht geworden zu entscheiden.
„Wo treffen wir uns?“

Unter freiem Himmel. Weil da das Licht am besten ist.
Eine typische Gott-Antwort.
Mit einem Lächeln auf den Lippen betrete ich die Blumenwiese, auf die Gott mich eingeladen hat. Sie ist genau so wie ich mir eine typische Gott-Blumenwiese vorgestellt hätte: bunt und belebt. Fast habe ich den Eindruck als würden sich die Blumen heute besonders viel Mühe geben zu leuchten und zu duften. Als würden die Schmetterlinge noch leichter flattern und die Bienen noch emsiger summen. Als würde sich alles hier noch mehr anstrengen, sein Bestes zu geben. Und den Grund dafür entdecke ich mittendrin in all der Pracht.
Gott leuchtet am allermeisten; er strahlt richtig. Trotz seiner Menschengestalt, die er wohl nur angenommen hat, damit ich nicht wieder Kopfschmerzen bekomme von seinem fließenden Wesen, seinem Nicht-Äußerlich sein. Ist schwer zu erklären.
Jedenfalls scheint die Luft um ihn herum zu vibrieren. Und wenn ich „ihn“ sage, meine ich damit nicht, dass Gott ein Mann ist, sondern nur, dass er mir heute in einer eher männlichen Gestalt gegenübertritt. In Wahrheit ist er weder noch, er ist alles und gar nichts. Gott eben.
„Hallo du!“, ruft er mir begeistert zu und winkt wie verrückt. Ein Blinzeln später hat er die letzten fünfzehn Meter zwischen uns einfach so hinweg gewischt und zieht mich in eine bärenstarke Umarmung. Sein Lachen ist so tief, dass es sich fast anhört wie ein Donnergrollen. Ich kann es ganz tief drinnen in mir spüren. Es kitzelt ein bisschen.
Als er mich wieder loslässt, ist mir erst mal ein paar Sekunden kalt – so wie immer nach seinen Umarmungen. In seinen Armen habe ich das Gefühl, mich auf immer und ewig anschmiegen und ankuscheln zu wollen, in ihn ‚hinein‘ zu wollen, so wohlig warm ist er. Entfernt er sich dann von mir, fröstelt es mich – meist allerdings nur ein paar Augenblicke lang bis ich mich wieder ‚akklimatisiert‘ habe.
„Na? Bereit?“, fragt Gott und sieht mich prüfend an.
Dabei wird mir wieder warm, ja sogar heiß, denn ich mag es nicht, so genau betrachtet, ja ‚durchforstet‘ zu werden. Und wenn das einer kann, dann Gott. Er hat sozusagen den Ultra-Röntgenblick. Er sieht alles, wirklich alles. Nackt-Sein ist ein Kinderspiel dagegen.
Liebenswürdiger Weise wendet er seinen Blick ab; natürlich weiß er, dass mir das unangenehm ist.
Dankbar für seine rücksichtsvolle Art, ziehe ich etwas hinter meinem Rücken hervor. „Schau, das habe ich dir mitgebracht. Ich meine, ich weiß natürlich, dass du dir das auch einfach selbst besorgen könntest, ganz einfach mit einem Fingerschnippen vermutlich, aber…“, lasse ich den Satz unbeendet in der Luft zwischen uns hängen.
„Ich danke dir, es ist perfekt“, sagt Gott und nimmt mit einer aufrichtigen Freude die Baskenmütze entgegen als hätte ich ihm soeben das beste Geschenk der Welt gemacht. „Oh ja!“, ruft er begeistert, als er die Mütze aufgesetzt hat. „Jetzt wird es wohl das beste Porträt, das ich je gemalt habe!“ Dabei wirkt er wie ein Kind an Weihnachten. Einfach herrlich mitanzusehen.
„So, nun aber auf die andere Seite der Leinwand mit dir“, heißt es plötzlich und wieder wird mir heiß. Ich habe nicht bedacht, was das heißen würde, wenn Gott mich malt… Noch mehr von diesem zwar nie böse gemeinten, aber deshalb nicht weniger unangenehmen Ich-durchschaue-dich-voll-und-ganz-und-sowieso-Blick.
„Du machst das aber kurz und schmerzfrei, oder?“, frage ich, dabei ziemlich kläglich klingend. „Ein-zwei Handbewegungen und fertig ist das Bild?“
„Na na“, meint Gott. „Du glaubst doch nicht, dass ich schummele? Hier Magie einzusetzen wäre doch Betrügerei… Und außerdem: Wenn ich schon mal hier bin, will ich das Mensch-Sein wirklich voll auskosten.“
Mit diesem Kommentar verschwindet er hinter seiner Leinwand.
Ich seufze. Na das kann ja heiter werden…

Ich versuche wirklich mich zu entspannen. Aber es klappt einfach nicht. Egal wie ich auch dreinschaue, es fühlt sich weder entspannt an noch natürlich. Auch der Rest meines Körpers nicht. Ich bin einfach nicht dafür gemacht, betrachtet zu werden, glaube ich.
„Hmmm… das kann ich so nicht bestätigen“, gibt Gott ungefragt seine Meinung zu diesem Thema ab. „Und ich muss es ja wissen immerhin, oder?“ Er zwinkert mir zu, während er den Kopf schief legt und den Pinsel auf der Leinwand herumbewegt.Seine Mimik wirkt mit der Zeit jedoch recht nachdenklich, ja fast schon ein bisschen besorgt. Und etwas, was Gott Sorgen macht, kann gar nicht gut sein…
Noch bevor ich mich dazu durchringen kann zu fragen, was denn los ist, legt er plötzlich den Pinsel zur Seite und meint mehr zu sich selbst als zu mir: „… allerdings wird das so wirklich nichts…“
Sofort schießt mir Schamesröte ins Gesicht. Ich fühle mich so dämlich, so bescheuert; am liebsten wäre mir der Erdboden würde sich auftun und mich verschlingen.
Ein Aufblitzen von Traurigkeit in Gottes Miene. Dann, ganz behutsam und liebevoll, wendet er mir seinen Blick zu. „Hör mir jetzt bitte genau zu: Es ist nicht deine Schuld.“
Das ist das letzte, mit dem ich jetzt gerechnet hätte. Wobei auch das typisch Gott ist. Verstehen kann ich die Wörter trotzdem nicht.
„Es ist nicht deine Schuld“, wiederholt Gott sanft, aber beharrlich.
Diesmal kommen mir fast die Tränen; ich halte sie jedoch im letzten Moment zurück.
„W-w-w-as ist nicht meine Schuld?“, bringe ich hervor.
„Alles“, meint Gott. „Alles und gar nichts. Aber jetzt, in diesem Moment, vor allem, dass das hier ein bisschen… ‚holprig‘ verläuft…“
Ich brauche ein bisschen, um damit umgehen zu können. Es fällt mir schwer, es zu glauben. Auch wenn es Gott höchstpersönlich ist, der diese Worte zu mir sagt.
„Woran liegt es dann?“, will ich fragen, aber stattdessen kommt etwas anderes aus meinem Mund: „Ich fühle mich nicht wie ich selbst…“
Gott nickt, sagt aber nichts weiter dazu. Ich glaube, er will mich damit ermuntern weiterzusprechen.
„Ich fühle mich unwohl, weil ich mir nicht authentisch vorkomme. Und auch noch beobachtet werde dabei.“
Wieder nickt Gott. Und auf einmal fließen die Worte wie von alleine aus mir heraus.
„Ich habe so viel Zeit damit verbracht, jemand zu sein, jemand zu werden, der ich nicht bin. Ich habe alles versucht, wirklich alles. Alles, damit sie mich mögen. Damit sie mich annehmen. Damit sie mich nicht ausstoßen… Und ein kleines bisschen hat es auch funktioniert… ein kleines bisschen funktioniert es immer noch…“
„… aber?“, hilft Gott mir weiter, als ich scheinbar nicht mehr weiter weiß.
Zitternd atme ich aus. „… aber es funktioniert immer weniger. Aber es ist eine Lüge. Aber es reicht mir nicht mehr! … Ich will endlich frei sein! Frei von all dem Getue und den Zwängen, frei von all den Meinungen und den Urteilen. Ich will doch einfach nur ich selbst sein, verdammt! Warum ist das so unglaublich schwer!?“
Die letzten Wörter brülle ich fast. Als ich das realisiere, erschrecke ich. Und ich schäme mich wieder. Ich kann doch nicht einfach Gott anschreien…
Der wirkt jedoch gar nicht so als störe ihn mein Tonfall. Im Gegenteil: Fast würde ich sagen, er hat ein Funkeln in den Augen.
„Na also, da bist du ja…“, meint er erfreut.
„Wie meinst du?“, frage ich verdutzt.
„Nun, hat sich das da eben nicht ein bisschen mehr wie du selbst angefühlt als davor?“, hilft mir Gott auf die Sprünge.
Ich überlege kurz. Natürlich hat er recht. Dennoch bin ich plötzlich traurig.
„Aber so wenig… und so kurz… und das andere so viel… und so stark… so… ‚übermächtig‘…“, flüstere ich.
Auch Gott wirkt plötzlich traurig. Oder zumindest sehr, sehr nachdenklich.
Dann, irgendwann, sagt er: „Weißt du, was ich ganz besonders an dir mag?“
Ich schüttele den Kopf, erstaunt über diese Frage.
Gott lächelt sanft.
„Dich“, sagt er schließlich.
Ich… ich verstehe nicht.
„Ich mag all das, was zu dir gehört“, erklärt Gott. „Und das ist ganz schön viel…“ Sein Blick schweift ab, fast so als würde er vor sich hin träumen. „Manchmal bist du ganz leise und sanft, wie eine Feder, wie eine Schneeflocke. Andere Male bist du laut und leuchtend wie ein Feuerwerk…“ Mein Verstand scheint ziemlich überfordert mit dieser Situation; er lässt mich kläglich im Stich. Dafür beginnt mein Herz plötzlich kräftiger und entschlossener zu schlagen; fast so als würde es sich an etwas erinnern.
„Manchmal bist du ganz klein, ein Mäuschen, ein Gänseblümchen. Dann wieder bist du groß, so groß und stark wie ein Baum. Manchmal, manchmal da bist du traurig. Da bist du so traurig, dass ich es kaum fassen kann. Und manchmal, manchmal bist du zornig, feurig, entschlossen, wild. Auf eine schöne Art und Weise. All das ist schön. Und am allerallerschönsten ist das Gesamtbild. Und das bist … du.“
Erst jetzt merke ich, dass ich diesmal wirklich weine.
Ich weine, weil diese Worte etwas in mir ausgelöst haben.
Ich weine, weil Gott mich wirklich und aufrichtig sieht.
Ich weine, weil ich verstehe. Zumindest für diesen einen Moment hier.
Was ist das da in Gottes Blick? Ein triumphierendes Lächeln strahlt mir entgegen.
Er hebt die Leinwand von der Staffelei und dreht sie zu mir.
Das Bild ist fertig.
Es ist bunt und belebt. Drunter drüber. Ein Chaos aus Farben und Formen.
Es ist sanft und stark, klein und groß, es ist laut und leise.
Mir wird wohlig warm ums Herz.
Und ich verstehe.
Ich bin es.

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