Augenblicke

Wo der Wildbach rauscht

Ich wache auf, weil jemand an meiner Schulter rüttelt. Mit einem unterdrückten Stöhnen stelle ich fest, dass es noch mitten in der Nacht sein muss. Noch nicht ganz wach, gehen mir folgende Gedanken durch den Kopf: Ich hoffe nur, es gibt einen guten Grund, mich zu dieser Uhrzeit aus dem Schlaf zu reißen – ansonsten kann ich echt ungemütlich werden…
Leicht genervt öffne ich die Augen, kann aber zu meiner Verwunderung niemanden erblicken. Kann es sein, dass ich nur geträumt und mich somit selbst geweckt habe? Mit einem Laut, der einer Mischung aus knurren und ächzen gleicht, drehe ich mich auf die andere Seite und ziehe die Bettdecke bis zu meinen Ohren hoch. Gerade als ich wieder schön in den Schlaf hinüberdrifte, nennt jemand neben mir meinen Namen.
Augenblicklich bin ich hellwach. Das kann nicht sein! Ich habe diese Stimme seit über zwei Jahren nicht mehr gehört…!
„Hallo?“, frage ich zaghaft in die Nacht hinein.
Da fällt plötzlich Mondlicht in mein Zimmer. Umrisse werden deutlicher, Schatten klarer. Ruckartig setze ich mich auf. Das, was ich da vor mir sehe, ist unmöglich. Oder sollte es zumindest sein.
„Na, hast du mich vermisst?“ Mit einem Hauch von Abenteuer stehst du da und schaust mich neugierig an.
Ich hingegen weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Vielleicht auch beides zugleich. Ein Kloß bildet sich in meinem Hals. Es gibt so Vieles, was ich dich damals noch fragen und dir noch sagen wollte! Aber jetzt, da ich die Möglichkeit hätte, kommt kein einziges Wort über meine Lippen.
„Das ist schon okay, mein Schatz, dafür ist noch Zeit genug“, meinst du. „Keine Sorge. Ich bin sowieso hier, weil ich dir gerne eine Geschichte erzählen würde…“
Alles, was ich zustande bringe, ist ein ungleichmäßiges Nicken. Du lässt dich auf meiner Bettkante nieder. „Nun, es war einmal ein Wildbach…“

Ich schrecke hoch. Es ist Morgen; die Vögel draußen vor meinem Fenster singen um die Wette. Keine Spur von dir. Doch obwohl es heute genau zwei Jahre sind seit damals, bin ich nicht traurig. Der Klang deiner Stimme ist endlich wieder aufgefrischt in meinen Erinnerungen. Und wenn ich ganz genau hinhöre, kann ich ihn hören, dort, im grünen Tal in weiter Ferne: deinen rauschenden Wildbach.


dieser Text gehört zu meiner Großmutter-Reihe (siehe „Dachboden“ -> „Wie meine Großmutter sich in Luft auflöste“)

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